Großer Abendsegler

Nyctalus noctula

Der Große Abendsegler zählt mit einer Körpergröße von bis zu 85 mm und einer Flügelspannweite von 32-40 cm zu den größten Fledermausarten Europas. Eines der charakteristischen Merkmale dieser Art ist neben seiner Größe und den schmalen Flügeln der kurze, pilzförmige Ohrendeckel (Tragus). Der typische Ruf des Großen Abendseglers (plipp-plopp) liegt mit einer Hauptfrequenz von unter 21 kHz für Fledermäuse verhältnismäßig tief.

Als hauptsächlich baumbewohnende Fledermaus bevorzugt der Große Abendsegler als Lebensraum vor allem Wälder mit hohem Altholzbestand und vielen Baumhöhlen. Neben alten Bäumen in Parkanlagen können aber auch Gebäude und Fledermauskästen als Quartiere fungieren. Die Jagdzeit des Großen Abendseglers kann in ein bis drei Jagdphasen unterteilt werden, wobei er verglichen mit anderen Fledermausarten bereits sehr früh während der hellen Abenddämmerung aus seinem Quartier fliegt. Aktivitätspeaks können des Weiteren gegen Mitternacht und in den frühen Morgenstunden auftreten. Der Große Abendsegler präferiert den offenen Luftraum zum Jagen und ist dabei meist in Höhen von 10-100 m an Waldrändern, in der Nähe von Gewässern, über Waldwiesen, aber auch am Rand von Siedlungen zu beobachten. Die Jagdgebiete können mehr als 10 km vom Quartier entfernt liegen. Bevorzugt frisst diese Fledermausart Zweiflügler, Köcherfliegen, Schmetterlinge und Käfer.

Der Große Abendsegler wurde in Deutschland in allen Bundesländern nachgewiesen, wobei Populationswanderungen abhängig von Geschlecht und Jahreszeit erfasst werden konnten: Während im Süden und Westen eher Winter- und Sommerquartiere von Männchen auftreten, ziehen die Weibchen im Frühling zur Geburt und Aufzucht der Jungtiere (oft Zwillinge) in den Nordosten. Diese Wochenstubenverbände bestehen in der Regel aus 20-60 Tieren, es wurden aber auch Quartiere mit bis zu 100 Tieren gefunden. Zudem wurde beobachtet, dass der Große Abendsegler zwar geburtstreu ist, jedoch auch zwischen benachbarten Wochenstuben hin und her wechselt, so dass ein sogenannter Quartierverbund entstehen kann. Die Männchen sind als Einzelgänger oder in kleineren Gruppen mit bis zu 20 Tieren unterwegs. Die Winterquartiere des Großen Abendseglers liegen vorwiegend in Süd- und südlichem Mitteleuropa, aber auch in Deutschland sind Quartiere bekannt.

Um zu ihren Winterquartieren zu gelangen, fliegt diese Fledermausart sehr weite Strecken, teils mit Überquerungen der Nord- und Ostsee, von bis zu 1600km. Laut Studien beläuft sich seine Migrationsgeschwindigkeit auf gut 70 Kilometer pro Tag, seine Fluggeschwindigkeit auf maximal 50 km/h. Häufig werden große Baumhöhlen als Winterquartier genutzt, aber auch Felsspalten und anthropogene Bauten wie beispielsweise die Levensauer Hochbrücke in Schleswig-Holstein mit über 1000 Tieren werden aufgesucht. Der Große Abendsegler gilt bezüglich seiner Sommer-, Winter-, sowie Durchzugsquartiere als ortstreu.

Insbesondere im Zusammenhang mit dem Bau von Windkraftanlagen ist der Große Abendsegler eine der wichtigsten planungsrelevanten Fledermausarten: Als hochfliegende und wandernde Art sind Individuen des Großen Abendseglers aus ganz Europa durch Kollision mit den Anlagen oder durch Barotrauma (Verletzung der inneren Organe, hervorgerufen durch die Luftdruckschwankungen nahe der Rotoren) gefährdet. Beim aktuellen Ausbaustand wird der Gesamtverlust von Fledermäusen durch Windkraftanlagen in Deutschland allgemein auf etwa 250.000 Tiere pro Jahr geschätzt. Das Fehlen eines einheitlichen Monitoringnetzwerkes erschwert allerdings die Kalkulation der Anzahl an betroffenen Individuen der einzelnen Arten. Laut den Daten der zentralen Fundkartei macht der Große Abendsegler aktuell etwa ein Drittel der erfassten Schlagopfer (1109 Individuen, 3369 Schlagopfer aller Arten) bundesweit aus. Aus diesem Grund spielt der Große Abendsegler sowohl bei der Planung von neuen Windkraftprojekten und den damit verbundenen Untersuchungen der Flächen (Quartierpotentialanalysen, Kartierungen, Netzfänge), als auch im Schlagopfermonitoring und Gondelmonitoring bei bereits gebauten Anlagen eine besonders große Rolle.

Als Waldfledermaus ist der Große Abendsegler außerdem durch Quartierverluste aufgrund von Rodungen bedroht. Bei Baumfällungen sollte deshalb im Voraus durch ein Monitoring von Experten das Vorkommen von Fledermäusen ausgeschlossen bzw. die Fällung begleitet werden. Bei Nachweis des Großen Abendseglers in einem abzureißenden Gebäude kann eine ökologische Baubegleitung ebenfalls notwendig sein. Allgemein sind bei einem Wegfallen von genutzten oder potentiellen Quartieren entsprechende Ausgleichsmaßnahmen zu gewährleisten.

Der Große Abendsegler wird in Europa laut der IUCN in die Kategorie „least concern“ (nicht gefährdet) eingestuft und befindet sich auf der Vorwarnliste der deutschen Roten Liste.

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